Einige Gründe für Wildblumen
Blütenreiche, bunte Wiesen sind ein seltener Anblick in unserer Landschaft geworden, ebenso wie üppig blühende Grünflächen in Gärten und Parks und wildblumenreiche Bankette und Feldränder. Die Anforderungen, die Landwirte an den Nährwert von Wiesen stellen, haben dazu geführt, dass Wiesenblumen nicht nur zurückgegangen, sondern von den allermeisten Wiesen ganz verschwunden sind. In den Gärten, auf öffentlichen Flächen, Weg- und Straßenrändern wird durch häufiges Mähen und Mulchen eine Ordnung geschaffen, in der zwischen den Gräsern kaum noch wilde Blumen wachsen, geschweige denn zur Blüte kommen. Blühende Wildpflanzen wurden und werden mit zunehmender Technisierung der Pflege des Grünlandes als so gewöhnlich und so wertlos angesehen, dass sie jederzeit ohne Rücksicht auf Blüten und Blütenbesucher vom Mähwerk, Mulcher oder Rasenmäher zerkleinert werden dürfen.
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Doch Wildblumenwiesen sind Lebensraum. Sie dienen ihren Bewohnern als Nahrungsquelle und Brutplatz, als Unterschlupf und Überwinterungsquartier. Wildpflanzen und die mit ihnen lebenden Tiere haben sich im Lauf der Evolution aneinander angepasst, und es sind Abhängigkeiten entstanden. Viele Wildbienenarten sind auf den Pollen einer bestimmten Pflanzenfamilie, manche sogar auf den Pollen einer einzigen Pflanzenart angewiesen. Der Aurorafalter legt seine Eier nur am Wiesenschaumkraut und an der Knoblauchsrauke ab. Viele Bläulingsarten sind auf ganz bestimmte Nahrungspflanzen für ihre Raupen angewiesen, die mehr und mehr aus der Wiese oder vom Wegrand verschwinden.
Um den Wert der Wildpflanzen als Lebensgrundlage für einen stabilen Bestand an Insekten zu belegen, könnten unzählige Beispiele angeführt werden. Wenn die noch vorhandene Artenvielfalt bewahrt werden soll, führt kein Weg daran vorbei, unsere artenreichen Wiesen zu schützen und überall, wo dies darüber hinaus noch möglich ist, den Schutz der Wildpflanzen mit zu bedenken und zu berücksichtigen.
Einige Kommunen haben bereits Feldwegesatzungen erstellt, die die insektenschonendere Pflege der Wegränder festschreiben. In Bayern und Schleswig-Holstein gibt es Bemühungen, die Flächen entlang der Straßen schonender zu bewirtschaften, denn auch sie sind potenzieller Lebensraum. In vielen Städten und Gemeinden gibt es Ansätze, nicht nur Staudenbeete und Blühflächen anzulegen, sondern auch das Potenzial der Wildblumen auf den kommunalen Grünflächen zum Insektenschutz zu nutzen.
Selteneres Mähen lässt Rasenflächen erblühen. Sind sie arm an Wildblumen, so können sie durch Saatgut oder vorgezogene Wildpflanzen angereichert werden. In einigen Fällen müssen Blumenwiesen mit dem passenden regionalen Saatgut auch neu angelegt werden. Doch wenn es auf Grünflächen erst einmal anfängt zu blühen, dann lassen tierische Bewohner nicht lange auf sich warten. Und Menschen, die sich darauf einlassen, dieses Treiben aus nächster Nähe zu beobachten, kommen ins Staunen, was es da alles zu entdecken gibt!
Menschen, deren Idealbild einer Grünfläche der unkrautfreie, wöchentlich gemähte Golfplatzrasen ist, mögen Zeit und zusätzlich Informationen brauchen, um sich an das Bild von Wildblumen in Gärten und auf kommunalen Grünflächen zu gewöhnen. Sie könnten den blühenden Rasen für ungepflegt halten – bis sie eine Infotafel eines Besseren belehrt, wenn sie sich denn belehren lassen.
Grundsätzlich stellt sich jeder und jedem Einzelnen aber die Frage, was ihr oder ihm wichtig ist: Wollen wir gegen das Artensterben mit ökologisch orientiertem Wirtschaften angehen, oder wollen wir die Ordnung des Golfplatzrasens durchziehen – auch wenn wir dafür unsere Arten opfern?